WAZ/NRZ Mülheim berichtet über BürgerEnergie-Projekt in Oberursel

100 Dächer auf einen Streich: Bürger machen vor, wie die Energiewende gelingen kann

Mülheim. Während in der Stadt über große Solaranlagen gestritten wird, geht Mülheims Bürgerenergiegenossenschaft in großen Schritten voran. Warum nicht hier?

Von , Redakteur Lokalredaktion Mülheim an der Ruhr,

Während der Ausbau von dringend benötigten Photovoltaik-Anlagen auf Mülheimer Äckern, in Gewerbegebieten und auf Dächern kontrovers diskutiert wird, zeigt ein Mülheimer Akteur im positiven Sinne, wie Energiewende im großen Stil gehen kann. Die Bürgerenergiegenossenschaft Ruhr-West (BEG-RW) investiert gerade in eine gigantische Anlage mit 1800 Panels – das sind mehr als 100 Hausdächer auf einen Streich. Sie stellt eine Leistung von 841 Kilowattpeak Strom bereit. Schade nur: Weil sich hier nichts anbot, müssen die Mülheimer Genossen dafür nicht nur die Stadt, sondern gleich auch das Bundesland wechseln.

Im Hessischen Oberursel-Bommersheim auf den Dächern von zwei Reitsporthallen soll das Großprojekt entstehen. „Es war eine Gelegenheit“, sagt Thomas Tschiesche, Vorstandvorsitzender der Bürgerenergiegenossenschaft. Der Reitsportverein muss sanieren, die BEGrw seit langem in größerem Stil in erneuerbare Energie investieren – so einfach kann es gehen.

Glücksfall für Mülheims Bürgerenergiegenossenschaft: „Ertragsaussichten sind gut“
Die Reithalle in Oberursel hat viel Dachfläche, um dort 1800 Solarpanels zur klimafreundlichen Stromerzeugung zu installieren.

Die Reithalle in Oberursel hat viel Dachfläche, um dort 1800 Solarpanels zur klimafreundlichen Stromerzeugung zu installieren. © BEG-RW

„Es handelt sich um eine schlüsselfertige Anlage“, betont der Vorstandsvorsitzende, welche die BEG für 700.000 Euro erwirbt – finanziert mit 215.000 Euro Eigenmittel aus Genossenschaftsanteilen sowie 490.000 Euro durch einen Kredit der GLS-Bank. Betrieb und Wartung übernimmt eine dafür eigens gegründete Kommandit-Gesellschaft. Lohnt sich das? Tschiesche geht von einer Betriebszeit von 20 Jahren aus, an deren Ende nicht nur der Kredit abbezahlt sei, sondern auch ein Überschuss von vier Prozent erwirtschaftet werde – sechs Prozent, wenn die Anlage danach noch weiter läuft. „Es ist solide kalkuliert, die Ertragsaussichten sind gut“, meint Tschiesche.

Interessenten können die Energiewende in Bürgerhand fördern, in dem sie Mitglied werden, Genossenschaftsanteile zeichnen oder aufstocken, auch qualifizierte Nachrangdarlehen mit zehn Jahren Laufzeit und einer festen Verzinsung von 3,5 Prozent bietet die BEGrw an. Um das Projekt an Land ziehen zu können, musste die Genossenschaft allerdings an ihre Satzung ran, denn die sah bislang vor, dass sie nur in der Region Ruhr-West aktiv werden dürfe. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung stimmten jedoch die Mitglieder einstimmig für die Ausweitung.

Wären solche Investitionen im großen Stil in erneuerbare Energie nicht auch hier denkbar gewesen? Zumindest der Aufschrei und Protest im Zuge der städtischen Bemühungen, zwischen den Bedarfen an erneuerbarer Energie, des Naturschutzes und der Landwirtschaft zu vermitteln, lässt zumindest erahnen, wie steinig dieser Weg für Mülheim bislang war und noch wird.

Bislang hatte die BEGrw nur kleine Schritte machen können

Dabei hätte die Ruhrstadt durchaus Potenziale, ist Tschiesche überzeugt und bedauert: Gefunden haben die Genossen solche Chancen eben hier noch nicht. Und die Versuche, die Mülheimer Dächer von Eigenheimen mit Solar-Panels zu bestücken, haben sich für die BEGrw in der Vergangenheit als kleinteilig, wenn nicht mühselig erwiesen. Um das neuste Projekt in Oberursel ins Verhältnis zu setzen: Seit 2017 hat die BEGrw 409 Kilowattpeak auf 44 Dächern umgesetzt – knapp 50 Prozent dessen, was auf den beiden Reithallen auf einen Schlag ermöglicht wurde.

Dabei kann die vor gut zehn Jahren gegründete Bürgergenossenschaft mit dem Ziel, erneuerbare Energien und den Klimaschutz in der Stadt voranzubringen, durchaus Erfolge verzeichnen. Der ursprüngliche Plan, zum einen die RWE-Anteile an der Medl aufzukaufen und in Bürgerhände zu legen, damit man die Energiewende mitbestimmen kann, zum anderen mit eigenen Investitionen die Heizanlagen in privaten Eigenheimen zu modernisieren und anschließend über Wärmelieferungsverträge zu finanzieren, hatte sich zwar nicht erfüllt.

Doch neben ihren eigenen Dach-PV-Projekten stieß die BEG-RW immer wieder Trends mit an: Sie waren mit die ersten, die schon früh für Balkonkraftwerke in der Stadt warben. Sie setzten PV-Anlagen dort erfolgreich um, wo das städtische Solarkataster eigentlich ein „ungeeignet“ erklärt hatte. Die Umsätze blieben allerdings zu gering, die Erträge aus den Einspeisevergütungen der nur fünf eigenen Bestandsanlagen auf Dauer wenig zufriedenstellend.

Neue Investitionen geplant: Parkplätze, Freiflächen PV und Batteriegroßspeicher

Also musste man neue Wege gehen: Nunmehr setzen der Vorstand und seine rund 190 Mitglieder auf neue strategische Geschäftsfelder wie Parkplatz- und Freiflächen-PV, den Ausbau von Batteriegroßspeichern – und auf Großprojekte wie die Reithallen in Oberursel. Klar sind Tschiesche aber auch die Widerstände: „In einer dicht besiedelten Region wie dem Ruhrgebiet ist Boden extrem wertvoll. In Mülheimer Gewerbegebieten scheitern Vorhaben beispielsweise an sogenannten trimodalen Flächen, die für Wasser, Straße und Gleisanschlüsse gebraucht werden und zu wertvoll sind als sie für die Energiegewinnung zu verwenden.“

Und manches Unternehmen ist kaum daran interessiert, seine riesigen Parkflächen mit PV zu überdachen, obwohl das Energie und auch Hitzeschutz bringen könnte – „für diese Unternehmen macht die Energieerzeugung wirtschaftlich allenfalls die Größenordnung eines Rundungsfehlers aus“, meint Tschiesche.

Ansprechpartner BEGrw
Weitere Infos zur Genossenschaft und dem Projekt im Internet unter www.begrw.deKontakt zu Thomas Tschiesche (Vorstand): thomas.tschiesche@begrw.de, Annette Littmann: annette.littmann@begrw.de oder unter info@begrw.de